Krieg in der Ukraine: Wie du dich informieren und den Menschen vor Ort helfen kannst 

Ein Artikel der Perspective Daily

Seit 8 Jahren herrscht in der Ukraine Krieg. Nun hat er mit der großflächigen Invasion der russischen Armee eine neue Eskalationsstufe erreicht, die für beide Länder eine Katastrophe ist. Sowohl auf ukrainischer als auch auf russischer Seite werden viele Menschen sterben (und tun es bereits), Soldat:innen, aber auch unbeteiligte Zivilist:innen. Wie konnte es so weit kommen?

Eines vorweg: Für einen Angriffskrieg gibt es keine Entschuldigung, keine sinnvolle Erklärung, kein legitimes »Aber die andere Seite hat sich auch einiges zuschulden kommen lassen!«.

Um zu verstehen, was Konfliktparteien antreibt, braucht es nicht nur Breaking News und Liveblogs, sondern auch Zeit. Für Bücher, Hintergrundanalysen und Dokumentationen. Wir haben für dich eine Liste von Quellen zu wichtigen Fragen zusammengetragen, die wir wertvoll finden – und die ein guter Ersatz für das endlose Aktualisieren von Nachrichtenwebsites und den sozialen Medien auf deinem Smartphone sind.

Was trennt Russland und die Ukraine – und was verbindet sie?

von Greta Spieker

 

Die Ukraine und Russland verbindet eine gemeinsame Geschichte, die nicht erst mit der Sowjetunion beginnt. Die Beziehungen der beiden Länder reichen viel länger zurück.

Die Historikerin und Professorin an der Universität Wien Kerstin S. Jobst liefert in »Geschichte der Ukraine« einen allgemeinen Überblick. Der kleine Reclam-Band ist die optimale Lektüre, um einen Einstieg auch in die russische Geschichte zu finden.

Einen kürzeren Abriss zum Einsteigen findest du bei National Geographic.

In diesem Video erklärt MrWissen2go ebenfalls kurz und knapp die historischen Hintergründe zur aktuellen Krise:

»Roots of Russia’s War in Ukraine« von Elizabeth A. Wood et. al. geht auf Spurensuche nach dem Ursprung des Ukraine-Russland-Konflikts. Die Autor:innen beleuchten das Thema auf wissenschaftlichem Niveau – ein Tipp für diejenigen, die richtig tief einsteigen möchten.

Und schließlich noch etwas für die Ohren: In der beliebten Podcastreihe »Eine Stunde History« des Deutschlandfunks gibt es eine Folge zur »Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik«, die sich mit dem Einmarsch der Roten Armee auf der Krim im Oktober 1921 beschäftigt und die Geschichte der geostrategisch günstig gelegenen Halbinsel erklärt.

Wie rechtfertigt Putin die Invasion in das souveräne Nachbarland? In einer Fernsehansprache kündigte der russische Präsident den Angriff an – mit vielen historischen Verweisen. Beim Tagesspiegel findest du eine Übersetzung der Rede, die niemals eine Rechtfertigung für den Angriffskrieg sein kann.

Welche Entwicklungen der letzten Jahre haben uns an diesen Punkt der Eskalation gebracht?

von Julia Tappeiner

Krieg gibt es in der Ukraine nicht erst seit gestern, sondern im Donbass, im Osten des Landes, schon seit 2014. Eine Analyse der Russlandforscherin Sabine Fischer von 2019 beschreibt in einfacher Sprache die Entwicklungen im Donbass, welche Parteien am Konflikt beteiligt sind und warum der Friedensprozess bisher scheiterte.

Schon im November 2013 begann der »Euromajdan« in Kiew, eine Protestwelle, die den russlandfreundlichen Präsidenten Janukowytsch das Amt kostete. In dieser Ausgabe des Magazins »Aus Politik und Zeitgeschichte« von 2014, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, werden diese Ereignisse und deren geschichtlicher Hintergrund in 9 übersichtlichen Artikeln analysiert.

Die »Länder-Analysen« sind eine monatliche Sammlung von Erklärtexten internationaler Expert:innen zu aktuellen Entwicklungen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas. Diese beiden Ausgaben der »Ukraine-Analysen« enthalten aufschlussreiche Beiträge rund um das Thema Krim (3 Jahre nach der Annexion) und über den Majdan (5 Jahre nach der Revolution).

Zu dieser Zeit schrieb die ehemalige Moskaukorrespondentin der ARD Gabriele Krone-Schmalz das Buch »Russland verstehen«. In Deutschland wurde es kritisch aufgenommen, da es das Narrativ des Kremls teils unreflektiert übernimmt. Wer jedoch verstehen möchte, wie die russische Regierung und auch ein Teil der Bevölkerung denken, bekommt darin einen guten Einblick in die Logik hinter Russlands Verhalten.

Diese Dokumentation von Arte liefert einen historischen Überblick über Putins Regierungszeit, seine Ansprüche und Vorhaben:

Wie Putin Russlands politisches System zu seinen Gunsten umbaute, beschreiben die Politikwissenschaftlerin Margareta Mommsen und die Juristin Angelika Nußberger in ihremBuch »Das System Putin« aus dem Jahr 2007.

 

Warum hat Putin ein Problem mit der NATO?

von Julia Tappeiner

Wladimir Putin rechtfertigt seinen Angriff auf die Ukraine damit, dass von Seiten der USA und der NATO nicht auf seine Forderungen eingegangen worden sei. Aber was genau will Putin?

Beim ZDF erfährst du, was Putin von der NATO forderte und wie die USA darauf reagierte.

Wie kommt Putin überhaupt zu seinen Forderungen? Das hängt mit der Geschichte der NATO und ihrem Verhältnis zu Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zusammen – hier entschlüsselt von der Plattform Dekoder.

Gab es wirklich ein Versprechen der NATO an Russland, nicht weiter an die russische Grenze zu rücken? Bei Dekoder erfährst du auch die gesamte Geschichte hinter dem Deal und wie ein Missverständnis bis heute die Spannungen zwischen Russland und der NATO prägt.

Wie reagiert die russische Bevölkerung?

von Greta Spieker

»нет войне!« – »Nein zu Krieg!«

Mit diesen Worten versammelten sich nach dem Angriff auf die Ukraine zahlreiche Menschen zu Antikriegsdemonstrationen in russischen Großstädten. Damit bringen sie sich selbst in große Gefahr. Wer an Demonstrationen teilnimmt, riskiert, festgenommen zu werden. Allein gestern wurden laut Bürgerrechtsaktivist:innen rund 1.800 Menschen festgenommen. Polizeigewalt ist allgegenwärtig. Und trotzdem gehen die Menschen auf die Straßen, um der Welt zu zeigen, dass sie mit der Politik ihres Landes nicht einverstanden sind und in Solidarität mit der Ukraine stehen.

Alexey ist Student in St. Petersburg und nahm an den Protesten teil. Auf Whatsapp schreibt er mir:

Die Proteste waren nicht organisiert. Ich spürte die Spontanität des Ganzen. Ich verfolgte die Informationen von Freunden und entschloss mich, am Protest teilzunehmen. Man spürt die Solidarität der Protestierenden mit den Menschen in der Ukraine. Ich selbst habe Verwandte und Freunde in Kiew. Dass dort nun Krieg ist, ist angsteinflößend. Es fühlte sich vollkommen natürlich an, nicht mehr still zu sein. In St. Petersburg versammelten sich mindestens 10.000 Menschen. Vor allem junge Leute, aber auch ältere nahmen teil.Alexey, Student in St. Petersburg

Sie sind nicht allein. In einem offenen Brief stellen sich mehr als 300 russische Wissenschaftler:innen gegen Putins Angriffskrieg.

Die Politikwissenschaftlerin Marina Litvinovich informiert Russ:innen auf Twitter, wie sie sich an der Antikriegsbewegung beteiligen können und auch der bekannte russischer Rapper Oxxymoron ruft zu einer Friedensbewegung wie in den USA zu Zeiten des Vietnamkriegs auf.

Wie reagiert Europa?

von Julia Tappeiner

Die Situation ist im Fluss. Auf der Website des europäischen Parlaments kannst du die Reaktionen der EU auf die Entwicklungen in der Ukraine verfolgen.

Was kann ich konkret tun, um den Menschen in der Ukraine zu helfen?

von Katharina Wiegmann

Libereco ist eine deutsch-schweizerische Nichtregierungsorganisation, die sich für den Schutz der Menschenrechte in Belarus und der Ukraine engagiert. Zusammen mit der Partnerorganisation Vostok SOS hat Libereco eine umfangreiche Hilfsaktion für die Ukraine gestartet. Im Fokus stehen die dringendsten Bedürfnisse der Menschen in den Kriegsgebieten: die Evakuierung von Familien, medizinische Versorgung, psychologische und rechtsberatende Arbeit sowie die notdürftige Reparatur von Häusern. Hier kannst du spenden.

Die Organisation Voices of Children organisiert Hilfe für vom Krieg betroffene traumatisierte Kinder und nimmt ebenfalls Spenden entgegen.

Unterstützung für Geflüchtete leistet beispielsweise die Polnische Humanitäre Aktion. Wenn du zu Hause Platz hast, um Menschen aus der Ukraine eine private Unterkunft anzubieten, kannst du dein Angebot hier eintragen. Weitere Hilfsmöglichkeiten listet die GLS-Bank auf dieser Seite, die laufend aktualisiert wird.

Praktische Hilfe für ukrainische Journalist:innen bietet das Greifswalder Katapult-Magazin an – in Form von voll ausgestatteten Redaktionsräumen und Unterkünften. Den Tweet der Redaktion dazu kannst du hier finden und weiterleiten, solltest du Medienschaffende in der Ukraine kennen.

Das Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung n-ost hat eine Kampagne für Journalist:innen gestartet, die unter Lebensgefahr in und aus der Ukraine berichten. Sie brauchen Schutz- und Notfallausrüstung, Unterkünfte sowie psychologische Betreuung. Die n-ost-Initiative kannst du hier

unterstützen.

Was du noch tun kannst: öffentliche Solidaritätsaktionen unterstützen. In vielen Städten in ganz Europa finden im Moment Demonstrationen statt, meist organisiert von der ukrainischen Diaspora. Hier kommst du direkt mit Menschen aus der Ukraine in Kontakt und kannst sie fragen, welche Hilfe sie sich wünschen.

Du möchtest dich auch mit der Ukraine solidarisieren?

Auf dieser Website organisiert sich der weltweite Protest. Hier kannst du Proteste in deiner Nähe finden oder selbst einen organisieren.

Ich fühle mich erschlagen von den Nachrichten. Was kann ich überhaupt noch glauben?

von Katharina Wiegmann

Wichtig: Teile keine Nachrichten oder Beiträge in sozialen Medien, bei denen du dir nicht sicher bist, woher sie stammen. Für Vorsicht im Umgang mit Videos, Bildern und anderen Posts in den sozialen Medien sensibilisiert dieser SPIEGEL-Artikel.

Zum Ukraine-Russland-Konflikt kursieren viele Falschinformationen und Gerüchte. Deshalb bietet das Recherchezentrum Correctiv einen Faktencheck, der fortlaufend aktualisiert wird. Du findest ihn hier.

Ich weiß zu wenig über die Ukraine. Was kann ich lesen, um die Ukraine besser zu verstehen?

von Katharina Wiegmann

Während Putin die russischen Truppen in Stellung brachte, wurde deutlich, dass sehr viele Deutsche sehr wenig über die Ukraine wissen. So wurde in Gesprächsrunden oft darauf verwiesen, dass »Russland« (richtig ist eigentlich: die Sowjetunion, wovon die Ukraine ein Teil war) im Zweiten Weltkrieg viele Opfer im Kampf gegen den Nationalsozialismus zu beklagen hatte – dass darunter Millionen Ukrainer:innen waren, scheint vielen dabei aber nicht bewusst zu sein. Im Deutschlandfunk hat der ukrainische Botschafter Andrij Melnyik im Jahr 2020 ein Interview zu diesem blinden Fleck im historischen Gedächtnis Deutschlands gegeben.

Wer mehr über die ukrainische nationale Identität wissen möchte, könnte mit diesem aktuellen Artikel der Historikerin Anne Appblebaum beginnen: »Calamity Again« (englisch). Leider ebenfalls nur auf Englisch erhältlich, dafür aber eine umfassende und unterhaltsam geschriebene Informationsquelle ist das Buch »The Gates of Europe. A History of Ukraine« des ukrainischen Historikers Serhii Plokhy aus dem Jahr 2015.

Romane und Erzählungen sind ein guter Einstieg, um Kultur, Geschichte und Gefühlslagen eines Landes besser zu verstehen. Viele ukrainische Autor:innen werden ins Deutsche übersetzt, zu empfehlen sind unter anderem die vielfach ausgezeichneten Bücher von Serhij Zhadan (mein Tipp zum Einstieg: »Mesopotamien«, ein raues Porträt seiner Heimatstadt Charkiw vor dem Hintergrund des Krieges), verlegt bei Suhrkamp.

Natascha Wodin ist als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Deutschland geboren und aufgewachsen und verarbeitet diese Geschichte in ihrem Roman »Sie kam aus Mariupol«.

Und noch ein letzter dringender Literaturtipp: In »Eine Formalie in Kiew« nimmt der deutsch-ukrainische Schriftsteller Dmitrij Kapitelman die Leser:innen mit in die ukrainische Hauptstadt, die Stadt seiner frühen Kindheit. Eine meiner schönsten Reisen in Gedanken, die ich in den Lockdownmonaten unternommen und in diesem Artikelschon einmal etwas ausführlicher empfohlen habe.

Wir entdecken immer wieder neue Quellen, die uns dabei helfen, den Krieg in der Ukraine besser zu verstehen. Die Links posten wir hier. Letzte Aktualisierung: 09.03.2022.

Du kannst dir die Ukraine schwer vorstellen? In diesem Artikel der New York Times erhältst du einen visuellen Überblick über das Land und was es ausmacht – in Form von Karten und Grafiken.

Das unabhängige Gesundheitsportal »MedWatch« bietet seit kurzem Infos auf ukrainisch zu medizinischer Versorgung in Deutschland an. Dieses Angebot für ukrainische Flüchtlinge konnte dank der ehrenamtlichen Arbeit von Apotheker:innen und Übersetzer:innen realisiert werden.

Auch die Universiät Bielefeld heißt Schutzsuchende willkommen. Für diejenigen, die aufgrund der Flucht ihr Studium in der Ukraine abbrechen mussten, oder gar nicht erst beginnen konnten, hat die Uni eine Beratungsstelle eingerichtet. Die Studierenden können sich dort über das Thema Studienbeginn informieren und erhalten Unterstützung bei der Bewerbung sowie Informationen zu Stipendien und Studienfinanzierung.

Anmerkung: Es handelt sich bei diesem Artikel um einen Artikel von der Perspective Daily. 
Quelle: https://perspective-daily.de/article/2055-krieg-in-der-ukraine-wie-du-dich-informieren-und-den-menschen-vor-ort-helfen-kannst/VcsP7LCL

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